Die Odyssee – was Christopher Nolan leider übersehen hat.

Wenn Sie Nolans Neuverfilmung der Odyssee ratlos zurücklässt, sind Sie vermutlich eine Frau. Der Film hat natürlich gute Ideen, tolle Schauspieler, makellose Kamera. Er bietet auch genügend Stoff für Kritik, Wokeness zum Beispiel, da können sich Konservative mit Fortschrittlichen in die Haare geraten. Aber Essentielles wurde übersehen. Die Illias. Das sind die zwei Säulen einer Geschichte, die so gut ist, dass man nicht müde wird, sie zu erzählen. Vordergründig ist die Illias die Geschichte vom Ausbruch des Krieges und seiner quälenden Dauer. Die Odyssee hingegen spielt nach dem Krieg, begleitet den Sieger von Troja, den Mann mit dem Pferd, auf seiner Irrfahrt nach Hause. Das retardierende Moment – immer wieder muss er von neuem ansetzen, nach Hause zu kommen – symbolisiert das reale Faktum, dass jeder Sieg ein Pyrrhus-Sieg ist. Man hat sich buchstäblich zu Tode gesiegt. Das immerhin hat Nolan kapiert. Was er übersah sind die Zielgruppen. Erstere Geschichte ist für Männer, sie motiviert zu Männerbünden, sie hat viele homoerotische Elemente, sie feiert Strapazen, Eifersüchteleien, Konkurrenzkämpfe und Durchhaltewillen.

Die andere Geschichte, die Odyssee, wurde für Frauen geschrieben, in Spinnstuben und Kinderzimmern erzählt, und sie beantwortet die ewige Frage: Warum kommt er nicht aus dem Wirtshaus nach Hause?
Nun, sagt die Odyssee, er will ja. Er will ja wirklich. Aber er hat Angst, erschlagen zu werden wie Agamemnon von Klytämnestra. Angst, einen anderen im Ehebett zu finden. Er wird von Feinden aufgehalten. Er wird von schönen Frauen aufgehalten. Er wird von den Göttern aufgehalten.
Genau das will man hören, wenn der Mann wieder einmal nicht aus dem Wirtshaus nach Hause kommt – es liegt nicht daran, dass die Gattin so grauslich ist, nein, es sind die höheren Mächte. Und die Verführerinnen.

Und Nolans Fehler liegt darin begraben: Die Abwechslung zwischen den tödlichen Gefahren und den charmanten Erholungsaufenthalten bei Nausikaa, Circe, Calypso und den Sirenen ist nicht herausgearbeitet.

Seine Frauen sind sämtlich böse, frustriert und stehen den männlichen Kriegern in nichts nach. Das bunte, sinnliche Element der Odyssee fehlt völlig, die Reise ist eine einzige Fortsetzung des Krieges, düster erzählt mit der Choreografie eines Action-Filmes und endlosen Kampfszenen. Charme, ja Zauber, Verführung, Verlockung, Pflege, Hingabe und Treue fielen komplett unter den Webstuhl. Die Heldinnen sind nicht souverän, sondern eindimensional und rachsüchtig.

Das stört mich an dieser Verfilmung. Dem listenreichen Odysseus ist der listige Witz abhanden gekommen (bei Polyphem fehlt schon die Geschichte mit Niemand, sie wissen schon, Niemand hat mich geblendet.) Und bei den Frauen gibt es diesen Listenreichtum schon gar nicht. Alles zu bierernst. Und zu düster.

Höre, Christopher: Die Odyssee ist die Rom-Com der Antike und das sollte sie auch bleiben. Jede Menge Hickhack, ein Cliff-Hanger nach dem anderen, aber am Ende kriegen sie sich.